Die Gießener Schüler Jan Löschen und Luis Wagner sind im Rahmen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten mit einem zweiten Preis ausgezeichnet worden. Ihre Arbeit beleuchtet den Konflikt um das Gießener Jugendzentrum Kanzleiberg in den 1970er Jahren.
Gießen – Geschichte wiederholt sich – einmal als Tragödie, das andere Mal als Farce. So ähnlich schreibt es Karl Marx in „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ (1852). Umso besser, wenn sich die junge Generation mit der Vergangenheit beschäftigt, wie zum Beispiel Luis Wagner und Jan Löschen vom Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums (LLG). Sie wurden im Rahmen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten für ihre Arbeit „Grenzen zwischen Rebellion und Regulierung: Der Konflikt um das Gießener Jugendzentrum Kanzleiberg in den 1970er Jahren“ mit dem zweiten Bundespreis ausgezeichnet. In ihrer Arbeit beschäftigten sie sich mit einem Stück Stadtgeschichte, das mit den Themen Jugend, Politik und Konflikt wohl dauerhaft aktuell ist.
Ärger beginnt mit neuem Magistrat
Markiert wird der Beginn des Konflikts durch einen Wechsel des Magistrats der Stadt im Jahr 1977 . Die Vorstellung der SPD nach Willy Brandt „mehr Demokratie wagen“ zu wollen, Jugendliche in politische Prozesse einzubeziehen und ihnen in Gießen Autonomie in Form des 1974 eröffneten selbst verwalteten Jugendzentrums am Kanzleiberg zuzugestehen, widersprach den Überzeugungen der CDU, die Erziehung eher hierarchisch und autoritär gestalten wollte, schreiben die Schüler. Inoffiziell habe es allerdings schon vorher „Hetzkampagnen“ gegeben, wie Wagner und Löschen darlegen. Ursache für den Konflikt sei aber eigentlich gewesen, „dass die Jugendlichen den Kanzleiberg besucht haben und dort über Politik diskutiert haben“ – vor allem über linksorientierte Ideen.
Als Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer im September 1977 durch die Rote-Armee-Fraktion (RAF) entführt wurde, nahm der Magistrat der Stadt Lahn, zu der die Region Gießen-Wetzlar von 1977 bis 1979 gehörte, das zum Anlass, die Räumlichkeiten des Jugendzentrums zu durchsuchen. In zwei Begehungen wurden Plakate mit Karikaturen, ein Wandgemälde und mehrere Schriftzüge entfernt und übermalt. Das sorgte für Empörung und eine Strafanzeige. Die Schüler zitieren in ihrer Arbeit den SPD-Politiker Detlef Kant, der urteilte: „Wo Plakate abgerissen werden, werden später Bücher verbrannt – und dann werden Menschen verbrannt…“
Alkoholverbot abgelehnt
Blieb die Anzeige der SPD auf der einen Seite erfolglos, so musste auch die CDU auf der anderen Seite einstecken. Ihr Abgeordneter Gerhard Luckemeyer stellte den Antrag, den Alkoholkonsum der Jugendlichen im Alter von über 16 Jahren im Jugendzentrum zu verbieten. Nachdem das Jugendamt und die Bezirksvertretungen der Stadt Lahn Stellung nehmen konnten, wurde das Alkoholverbot von den Stadtverordneten abgelehnt. Je mehr der Magistrat sich als Träger durchgesetzt habe, desto mehr habe sich der Konflikt zugespitzt. Stellen für Sozialarbeiter seien gestrichen und Budgets gekürzt worden. Als schließlich einigen Gruppierungen die Nutzungsgenehmigung der Räumlichkeiten entzogen worden sei, suchten diese sich einen Anwalt und zogen vor Gericht. Obwohl das Urteil im Sinne der Jugendlichen ausfiel, führte die „Austrocknung der offenen Sozialarbeit“, wie Wagner und Löschen den Umstrukturierungsprozess bildhaft beschreiben, zur Neukonzeption des Kanzleibergs im Sinne des Magistrats.
Neben den beiden Hauptakteuren – der CDU und den Jugendlichen – spielten auch die Medien, unter anderem die Gießener Allgemeine Zeitung, eine Rolle im Konflikt. Veröffentlicht worden seien sowohl Berichte als auch Leserbriefe. Die Schüler befinden: „Anhand der Darstellung der Texte, also der Platzierung in der Zeitung und Betonung des Titels oder anderer Textpassagen, sind keinerlei Präferenzen des Herausgebers sichtbar.“
Medialer Akteur: „Elephantenklo“
Weiterer medialer Akteur war die Zeitschrift „Elephantenklo“, die vor dem Hintergrund des sogenannten Deutschen Herbsts von Jugendlichen, für Jugendliche aus Perspektive der Jugendlichen gegründet worden war. Löschen und Wagner schreiben, die Jugendlichen hätten diese Zeitschrift als Art öffentliches Sprachrohr verwendet, da sie sich in der Lokalpresse nicht ausreichend repräsentiert gesehen hätten.
Was man daraus lernen kann? „Es lohnt sich, Konflikte auszutragen!“, zitieren die Schüler den Zeitzeugen Helmut Appel, der als Sohn des Hausmeisters im Jugendzentrum Kanzleiberg lebte.
Quelle: Gießener Allgemeine Zeitung vom 16.12.2025 – Ein Artikel von Sophie Mackel

